Wortschatzarbeit

Das mentale Lexikon

Wörter in Netzen

Um zu beschreiben, wie Wörter im Gehirn verarbeitet werden, greift man auf das Bild von mentalen Netzen zurück. Dabei sind Wörter wie Knoten in einem Netz, allerdings ist ein Wort in verschiedenen Netzen aktiv. Man kann verschiedene Netze annehmen (Kühn 2013):

Sachnetz

vergleichbar zu einem Bilderbuchwörterbuch, das nach Themen sortiert ist:

Sachnetz Küche: Spüle, Herd, Kühlschrank, Teller…

Ablaufmuster

Frames und Skripts von einer bestimmten Situation/Handlung. Diese Muster sind äußerst produktiv, u.a. da sie lebensweltliche Erfahrungen spiegeln. Z.B. fallen einem beim Stichwort Geburtstag bestimmte Skripts ein.

Kollokationsnetze

Wörter, die häufig miteinander auftreten und daher als eine formelhafte Wendung im mentalen Lexikon miteinander verbunden sind. Die Katze miaut, die Katze schnurrt.

Paradigmatische Netze

wortartenbezogen, nach sprachspezifischen Merkmalen

Synonyme: ausfragen: nachfragen, aushorchen, verhören, ausforschen, löchern,

Antonyme: lang – kurz, jung - alt

Hyponyme (untergeordnet): Apfel zu Obst

Hyperonyme: Raubkatze zu Löwe

Wortfamilien: morphologische Gesichtspunkte tagsüber, tagelang, Tag, Wochentag

Bewertungsnetze

konnotativer Gebrauch, z.B. kündigen: feuern, ablösen, abservieren, kalt stellen

Assoziationsnetze: Eigenerfahrungen und subjektive Wahrnehmungen

Ein Wort kann dann umso besser abgerufen werden, wenn es in möglichsten vielen Netzen eingetragen ist und es zu anderen Eintragungen möglichst gute Verbindungen gibt.

Rezeptiver und produktiver Wortschatz

Oft wird umgangssprachlich zwischen aktivem und passivem Wortschatz unterschieden. Diese Unterscheidung suggeriert, dass die "passive" Verarbeitung von Wörtern passiv sei, was jedoch nicht richtig ist. Daher ist es zutreffender, von rezeptivem und produktivem Wortschatz zu sprechen.

Faktoren, die den Worterwerb beeinflussen

Ob man ein neues Wort lernt oder nicht, hängt von vielen Faktoren ab (vgl. Ellis 1994, S. 22–23, siehe auch Übersetzung von Ellis in Sauerborn 2017, S. 70/71). Diese lassen sich vier Kategorien zuordnen 1) Eigenschaften des Wortes, 2) Input-Faktoren, 3) Interaktion und 4) Lerner.

  • Eigenschaften des Wortes: Ein Wort ist ein Zeichen für etwas zu Bezeichnendes. Wörter, die Konkreta bezeichnen, werden oft leichter erworben als andere Wörter. Zudem hat die Eindeutigkeit einer Wortform Einfluss auf die Lernbarkeit. Sehr ähnlich klingende Wörter lassen sich teilweise schwierig lernen. Ebenso spielt die Wortlänge eine Rolle.
  • Input-Faktoren: Die Aufretenshäufigkeit eines Wortes spielt eine große Rolle beim Wörterlernen. Wörter, die sehr häufig gebraucht werden, werden leichter gelernt als Wörter, die sehr selten vorkommen. Dies gilt nicht für Wörter, die einem Sprecher bzw. einer Sprecherin persönlich bedeutsam sind. Werden Wörter durch die Betonung besonders hervorgehoben, wird der Zuhörer bzw. die Zuhörer dadurch auf die Wichtigkeit eines Wortes hingewiesen. Natürlich begünstigen kontextuelle Hinweise das Wortlernen.
  • Interaktion: Input ist für den Spracherwerb sehr wichtig. In der Interaktion mit anderen können Sprachlernende nachfragen, Sprecherinnen und Sprecher können ihre Äußerungen außerdem an die Lernenden anpassen. Auch das Sprechen in der Interaktion trägt zum Sprachlernen bei. Nach der Output-Hypothese ist das Sprechen einer zu lernenden Sprache ein wichtiger Aspekt beim Sprachlernen, u.a., weil sie ihre eigenen Hypothesen über Sprache überprüfen können. Deswegen sollten Sprachlernende möglichst viel Gelegenheit zur Sprachproduktion erhalten.
  • Lerner: Natürlich spielt auch das Wissen des Lerners bzw. der Lernerin eine wichtige Rolle beim Lernen neuer Wörter. Wenn man einen neuen Begriff an das Vorwissen anknüpfen kann, erleichtert die den Erwerb des Begriffs. Aber auch die Herkunftssprache spielt eine Rolle. In vielen Sprachen gibt es ähnliche Wörter (z.B. Theater, theatre usw.). Solche Ähnlichkeiten helfen beim Worterwerb. Bei sogenannten False Friends liegt jedoch das Gegenteil vor: Der ähnliche Klang von unterschiedlichen Wörtern in zwei Sprachen suggeriert eine gemeinsame Bedeutung, die jedoch nicht vorliegt (z.B. chef (Koch) vs. Chef (Boss).

Wortschatzarbeit in der Schule

Ziel der Wortschatzarbeit in der Schule ist, dass sich der Wortschatz quantitativ (Wortschatzumfang) und qualitativ (Tiefe der Verarbeitung) vergrößert. Dabei sollten die Lernenden all jene Wörter lernen, die für sie persönlich und für das schulische Lernen relevant sind. 

Im Unterricht sollten Lehrkräfte immer im Hinterkopf haben, welche Wörter möglicherweise unbekannt sind für die Lernenden. Natürlich kann nicht immer jedes Wort erklärt werden - das übersteigt sowohl die mentale Kapazität als auch die zur  Verfügung stehende Zeit. Daher müssen Lehrkräfte eine Auswahl treffen und die relevanten Begriffe & Konzepte behandeln, ebenso auch sprachliche Redemittel.

Im Hinblick auf die Einführung neuer Wörter muss man unterscheiden zwischen solchen Wörtern/Konzepten, die ganz neu für die Lernenden sind und solchen Wörtern, bei denen es nur darum geht, eine weitere Bezeichnung für ein bereits bekanntes Phänomen zu lernen. So ist vermutlich nicht allen Kindern in der Grundschule bekannt, was ein elektromagnetisches Feld ist. Hingegen dürften die meisten Kinder wissen, dass ältere Menschen, die nicht mehr arbeiten, auch monatlich Geld erhalten. Die Begriffe Rente und Pension wären folglich neue Bezeichnungen für ein bekanntes Phänomen.

Spiele zur Wortschatzarbeit

Spiele eignen sich - wie Lieder - in besonderer Weise zur Sprachförderung, besonders zur Wiederholung und Aktivierung von Wörtern. Wenn Sie sich ein Reptertoire an Spielen aneignen, können Sie immer wieder darauf zurückgreifen. Erstellen Sie Bildkarten, auf dem die zu lernenden Wörter abgebildet sind, dann können Sie diese für verschiedene Spiele verwenden.

Finde das Gleiche!

Man hat 21 Bildkarten (man kann einzelne Karten auch verfielfältigen und entsprechend mehr Karten anbieten). Die Karten sind so angelegt, dass jede der 21 Karten mit jeder anderen Karte mindestens ein Symbol gemeinsam hat. Beim Spielen deckt jeder Spieler vor sich eine Karte auf. Dann wird eine Karte vom Stapel aufgedeckt. Wer zuerst das Symbol findet, das die eigene Karte mit der aufgedeckten Karte gemeinsam hat, nennt laut den passenden Begriff. Er oder sie bekommt dann die aufgedeckte Karte und deckt die nächste Karte auf. Gewonnen hat, wer am meisten Karten hat.

Spiel Finde das Gleiche zum Wortschatz Schule.

Memory

- Fortsetzung folgt in Kürze -

 

Ellis, Rod (1994): Factors in the Incidental Acquisition of Second Language Vocabulary from Oral Input. A review essay. In: Applied Language Learning 17, S. 1–32.

Kühn, Peter (2013): Wortschatz. In: Ingelore Oomen-Welke, Bernt Ahrenholz und Winfried Ulrich (Hg.): Deutsch als Fremdsprache. Baltmannsweiler: Schneider-Verl. Hohengehren (Deutschunterricht in Theorie und Praxis, DTP; Handbuch zur Didaktik der deutschen Sprache und Literatur in elf Bänden / hrsg. von Winfried Ulrich ; Bd. 10), S. 153–164.

Sauerborn, Hanna (2017): Deutschunterricht im mehrsprachigen Klassenzimmer. Grundlagen und Beispiele zur Förderung von DaZ-Lernenden im Grundschulalter. Seelze: Kallmeyer.