Visualisierungen zum besseren Textverstehen nutzen

Den gesamten Text finden Sie als PDF-Dokument hier.

Mira Werner, Dr. Hanna Sauerborn

Pädagogische Hochschule Freiburg,

Freiburg 2018

 

Worum geht es?

Textstrukturbewusstsein unterstützt das Leseverstehen.  Gefördert werden kann die Ausbildung von Textstrukturbewusstsein wiederum durch eine Visualisierung der entsprechenden Struktur des Textes. Die Erstellung einer Visualisierung der Textstruktur ermöglicht zudem die kognitive Verarbeitung des Gelesenen (mehr dazu hier: http://euliteracy.eu/wp-content/uploads/2018/09/Focus-on-Form-1.pdf).

Vier verschiedene Visualisierungsformen (Dymock 2005)

Susan Dymock hat vier Möglichkeiten der Visualisierung erarbeitet (Dymock 2005), welche beim Lesen und der Thematisierung von Textstrukturen genutzt werden können. Dazu gehören

  1. Mindmap,
  2. Tabelle,
  3. Liste und
  4. Pfeildiagramm.

 

Diese vier Formen werden im Folgenden ausführlich erläutert. Es ist jedoch wichtig darauf hinzuweisen, dass die Textstrukturen mit ihren jeweiligen Visualisierungsmöglichkeiten nicht als isoliert nebeneinanderstehende Formen verstanden werden sollen. Vielmehr ist es üblich, dass zur Visualisierung von Sachtexten verschiedene Formen genutzt werden. Welche Visualisierung passend ist, hängt dabei vom Inhalt des Gelesenen ab: In einem Sachtext über den Pinguin (siehe PDF mit einem Beispieltext zum Pinguin) könnten also zum Beispiel dessen Lebensraum, Ernährungsgewohnheiten und seine Fortpflanzung beschrieben werden. Als Visualisierung würde sich in diesem Fall eine Mind-Map eignen. Bei der Beschreibung der Ernährungsgewohnheiten ist es jedoch gut möglich, dass eine Aufzählung häufig verzehrter Lebensmittel erfolgt. In diesem Fall bietet sich eine Liste zur Visualisierung an. Außerdem könnte der Pinguin mit einer anderen Vogelart verglichen werden, wobei eine Tabelle zur Visualisierung genutzt werden könnte. Der Text hat folglich nicht nur eine einzige Struktur, sondern je nach Inhalt wird eine andere Darstellung und damit auch Textstruktur verwendet.

Folglich bietet sich daher bei einem so vielseitigen Text eine Mischung verschiedener Visualisierungsarten zur Darstellung der Strukturen eines Textes an.

Mind-Map

Fast immer stellt die Mind-Map das Grundgerüst zur Visualisierung eines Sachtextes dar. Mit ihr können hierarchische Verhältnisse innerhalb von Texten besonders gut dargestellt werden. In der Mitte einer Mind-Map steht immer ihr Thema (z.B. Pinguin), von dem dann verschiedene Unterkategorien (z.B. Fortpflanzung, Ernährungsgewohnheiten) abzweigen, die wiederum in Unterpunkte (z.B. Fische, Krebse) untergliedert werden können.


Tabelle

Die Tabelle eignet sich dagegen besonders gut, wenn innerhalb eines Textes Vergleiche angestellt werden. Da eine Tabelle zwei Dimensionen hat (Zeilen und Spalten), macht sie einen Vergleich innerhalb verschiedener Kategorien möglich. So kann beispielsweise der Pinguin mit dem Papageientaucher und dem Schwan innerhalb verschiedener Kategorien (z.B. Lebensweise, Lebensraum, usw.) verglichen werden.

 

Aufzählung

Gerade in Sachtexten kommen auch häufig Auflistungen vor. Meist sind diese jedoch nur ein Teil des Textes. Beispielsweise kann in einem Sachtext zum Pinguin aufgelistet werden, welche Nahrung für ihn in Frage kommt.

 

Pfeildiagramm

Pfeildiagramme eignen sich besonders gut, um zeitliche Abläufe darzustellen. Sie können also beispielsweise genutzt werden, um einen Sachtext in Geschichte darzustellen. In Bezug zum Pinguin wäre beispielsweise eine Darstellung des Brutablaufs mit Hilfe eines Pfeildiagramms denkbar.

Integrierende Mind-Map

Wie anfangs erwähnt, können Sachtexte oft nicht nur mittels einer dieser Visualisierungsmöglichkeiten dargestellt werden. Häufig enthalten Texte unterschiedliche Abschnitte, bei denen sich verschiedene Visualisierungsformen anbieten. Um die verschiedenen Visualisierungsformen trotzdem optimal nutzen zu können und eine Vernetzung der einzelnen Textabschnitte zu erreichen, bietet sich eine Mind-Map an, in die andere Visualisierungsformen integriert werden. Dazu gehören die hier vorgestellten Visualisierungsformen (Tabelle, Auflistung, Pfeildiagramm), aber auch andere Fotos oder Grafiken (z.B. eine beschriftete Grafik der Körperteile des Pinguins).

Das Erstellen von integrierenden Mind-Maps im Unterricht bietet viele Vorteile, da es die Vernetzung von Vorstellungsbildern („bilderartige Informationsstrukturen von Merkmalen der äußeren Erscheinung von Gegenständen oder Personen“ (Woolfolk 2014, S. 295)), propositionalen Netzwerken (Netzwerk von Bedeutungen)  und Skripts (repräsentiert eine typische Abfolge von Ereignissen) ermöglicht (Woolfolk 2014, S. 295). Eine solche Vernetzung erfolgt auch im menschlichen Gehirn in Form von Schemata (Woolfolk 2014, S. 298). Die integrierende Mind-Map scheint also der kognitiven Verarbeitung von Informationen zu entsprechen.

Beispiel für eine integrierende Mind-Map
Bild Pinguin by David - Penguin Waddle, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3738311

Umsetzung im Unterricht

Sie können z.B. diesen Text zum Pinguin verwenden, wenn Sie eine oder mehrere Visualisierungen ausprobieren möchten: Pinguin Text 

Die Datei wurde erstellt mit dem worksheetcrafter. https://getschoolcraft.com/de/

Ausreichend Zeit zur Sicherung einer Textstruktur und Visualisierung geben

Werden die verschiedenen Textstrukturen im Unterricht eingeführt, sollte zwischen der Einführung einer neuen Struktur ausreichend Gelegenheit gegeben worden sein, die bisher behandelte Struktur in einem Text zu erkennen und daraus eine eigene Visualisierung anhand des Musters zu entwickeln. Es bietet sich daher an, die verschiedenen Visualisierungsformen nach und nach und aufeinander aufbauend im Unterricht einzuführen. Zentral ist dabei jedoch, den Bezug zum Text herzustellen. Wenn also beispielsweise das Pfeildiagramm eingeführt wird, ist es wichtig, zu verdeutlichen, dass dieses sich zur Visualisierung von Abläufen eignet. Um dies besser nachvollziehen zu können, können Textteile ausgeschnitten und mit Pfeilen gelegt werden. Dabei kann auch auf die Symbolbedeutung des Pfeils eingegangen werden. Man kann auch gut zunächst nur einzelne Abschnitte eines Textes visualisieren, um den Kindern ausreichend Gelegenheit zu geben, ein bestimmtes Muster zu identifizieren und wiederum in einer eigenen Visualisierung kognitiv zu verarbeiten. Die Visualisierung ist dabei mehr als nur eine grafische Darstellung: Sie ist ein Resultat einer handelnden Auseinandersetzung mit dem Text(-abschnitt).

Binnendifferenzierung im Sinne des Scaffoldings

Zusätzlich sollte auch bei der Nutzung von Visualisierungen eine Binnendifferenzierung im Sinne des Scaffoldings (Gibbons 2015) stattfinden. Als Hilfestellungen können beispielsweise schon Wörter vorgegeben werden, die nur noch in eine Grafik eingefügt werden müssen. Ebenso kann z.B. eine vorgegebene Mindmap zunächst nur gelegt werden: Die Kinder erhalten Wort- und Stichpunkt-Karten, die sie anordnen und so Beziehungen erstellen. Auch dabei werden sie handelnd tätig, probieren verschiedene Optionen aus und können im Austausch gemeinsam erarbeiten, welche Anordnung für sie am schlüssigsten ist. Dabei gibt es in vielen Fällen nicht nur eine Lösung und auch bei der Arbeit mit vorgegebenen Begriffen/Wortkarten sollten die Kinder immer aufgefordert werden, weitere Begriffe/Karten zu ergänzen.

Visualisierungen nutzen zur Entschlüsselung von Stolperstellen

Die Arbeit mit verschiedenen Visualisierungsformen zur Verdeutlichung der Textstrukturen beinhaltet auch das explizite Besprechen von Schlüsselwörtern eines Textes. Dabei kann von beiden Richtungen vorgegangen werden: von den Schlüsselwörtern zur Visualisierung oder bei der Erarbeitung der Visualisierung zu einer Herausstellung der Schlüsselwörter. Dass wichtige Begriffe dabei besprochen und erklärt werden, kommt nicht nur DaZ-Lernenden entgegen.

Ebenso können bestimmte sprachliche Strukturen bei der Erstellung von Visualisierungen besprochen werden: Zeitwörter werden in einem Pfeildiagramm abgebildet, auch Passivkonstruktionen können u.U. in einer Mindmap „entschlüsselt“ dargestellt werden. Sprachliche Stolpersteine, die das Textverstehen erschweren können, werden folglich nicht übergangen, sondern vielmehr dazu genutzt, den Inhalt kognitiv weiterzuverarbeiten.

 

Checkliste für den Unterricht - diese finden Sie in der PDF am Anfang der Seite. 

Literaturverzeichnis

Dymock, Susan (2005): Teaching Expository Text Structure Awareness. In: The Reading Teacher 59 (2), S. 177–181. DOI: 10.1598/RT.59.2.7.

Gibbons, Pauline (2015): Scaffolding language, scaffolding learning. Teaching English language learners in the mainstream classroom. 2. Aufl. Portsmouth, NH: Heinemann.

Woolfolk, Anita (2014): Pädagogische Psychologie. Unter Mitarbeit von Ute Schönpflug. 12., aktualisierte Auflage. Hallbergmoos: Pearson (Always learning).