Sprachsensibler Fachunterricht am Beispiel des Schmetterlings

 

Der sprachsensible Fachunterricht am Beispiel des Schmetterlings

Mira Werner, Dr. Hanna Sauerborn

Pädagogische Hochschule Freiburg,

Freiburg 2018

Sie finden den gesamten Text mit Unterrichtsmaterialien hier: Sprachsensibler Fachunterricht am Beispiel des Schmetterlings

 Einen Sachtext zum Schmetterling finden Sie hier: Sachtext Schmetterling

 

Worum geht es?

Der sprachsensible Fachunterricht

In dem Text zur Bildungs- und Fachsprache von Frau Werner wurde der sprachsensible Fachunterricht erklärt (http://euliteracy.eu/bildungssprache-und-fachsprache). In diesem vorliegenden Dokument wird beispielhaft eine Unterrichtseinheit zu dem Thema Schmetterling vorgestellt, welche im Sinne des sprachsensiblen Fachunterrichts geplant wurde.

Relevanter Wortschatz und sprachliche Mittel

Teil der Unterrichtsplanung

Zur effektiven Umsetzung eines sprachsensiblen Unterrichts erscheint es sinnvoll, den geplanten Unterricht zunächst sprachlich zu analysieren. Nur so können mögliche sprachliche Stolpersteine herausgearbeitet und im Unterricht behandelt werden.

Tajmel und Hägi-Mead (2017) haben dafür einen Planungsrahmen konzipiert, in welchem die Sprachhandlungen, aufgeteilt auf das Hören, Sprechen, Lesen und Schreiben, festgehalten werden. Außerdem können in den Planungsrahmen häufig auftretende Sprachstrukturen und Schlüsselvokabeln eingetragen werden.

Planungsrahmen am Beispiel des Schmetterlings

In Tabelle 1 wird der Planungsrahmen für das Thema Schmetterling verwendet (siehe PDF).

Eine solche Tabelle ermöglicht der Lehrkraft einerseits die sprachlichen Herausforderungen des Unterrichts zu analysieren, andererseits kann sie aber auch dazu dienen, die eigenen Erwartungen festzuhalten und zu reflektieren.

Die vier Phasen des Unterrichts nach dem Scaffoldingkonzept

Gibbons (2015) beschreibt in ihrem Buch „Scaffolding Language Scaffolding Learning“ vier Phasen des Unterrichts, die dazu beitragen sollen, Schülerinnen und Schülern sukzessive die Bildungs- und Fachsprache näherzubringen. Anfangs steht der Gebrauch von Alltagssprache im Vordergrund. Nach und nach soll diese jedoch in Bildungs- und Fachsprache übergehen.

Die vier Phasen sollen nicht als starres Gerüst betrachtet werden, sondern als Orientierungshilfe, die je nach Thema, Unterrichtsform und Unterrichtsroutinen flexibel eingesetzt werden kann. In den folgenden Abschnitten werden die vier Phasen am Beispiel des Themas Schmetterling veranschaulicht. Alle hier genannten Materialien finden Sie in der PDF.

 

Phase 1: Die kooperative Lernphase

Kooperative Lernform

In der ersten Phase finden sich die Lernenden in kooperativen Lerngruppen zusammen. Kooperative Lernformen haben den Vorteil, dass sie einen hohen Sprechanteil der Schülerinnen und Schüler gewährleisten. Sprache wird in ihrem direkten Bedeutungszusammenhang erfahren und die Lernenden können sich gegenseitig in einem ungezwungenen Umfeld Wissen vermitteln.

Um ein lernförderliches Arbeiten in der Gruppe zu ermöglichen, kann die Lehrkraft zunächst Regeln für die Zusammenarbeit mit den Lernenden erarbeiten. Diese können mit Hilfe von entsprechenden Bildkarten visualisiert werden. Bei weiteren Gruppenarbeitsphasen können diese Bilder der Wiederholung der Verhaltensregeln dienen.

Zur Gruppenfindung können zudem Methoden eingesetzt werden, die zum Sprechen animieren und an das Unterrichtsthema heranführen. Bei der Thematisierung von Schmetterlingen können zum Beispiel zerschnittene Fotos verschiedener Schmetterlingsarten verwendet werden. Die Kinder, die mit ihren Bildteilen gemeinsam ein Foto ergeben, bilden eine Gruppe. Die Gruppen können jedoch auch vorher schon eingeteilt werden.

 

Der Gesprächsanlass

Um einen authentischen Gesprächsanlass zu schaffen, kann eine sogenannte Informationslücke zwischen den Gruppen erzeugt werden. Das ist möglich, indem die verschiedenen Gruppen leicht unterschiedliche Aufgabenstellungen bearbeiten. Damit die Lernenden einen umfassenden Überblick über die Thematik erhalten, müssen sie sich anschließend gegenseitig austauschen und ein realer Kommunikationsanlass ist gegeben.

Bei der Thematisierung der Entwicklungsphasen des Schmetterlings können die verschiedenen Gruppen zum Beispiel jeweils zwei oder drei der unten aufgeführten Bilder erhalten. In der Gruppe tauschen sie sich dann darüber aus, was auf den Bildern zu sehen ist und in welcher Reihenfolge sich die einzelnen Schritte in der Entwicklung des Schmetterlings vollziehen. Außerdem können sie gegebenenfalls mittels bereitgestellter Medien (Bücher, Internetrecherche usw.) etwas über die jeweiligen Entwicklungsphasen recherchieren. In der Plenumsphase tauschen die Gruppen sich anschließend über die bearbeiteten Entwicklungsphasen aus und bringen sie gemeinsam in die richtige Reihenfolge.

Alternativ kann jede Gruppe direkt alle Bilder erhalten. Diese sollen dann in die richtige Reihenfolge gebracht und beschrieben werden. Auch dabei ist ein realer Gesprächsanlass gegeben, da die Gruppen sich anschließend über mögliche Lösungen austauschen und sie diskutieren können (Bilder siehe PDF).

 

Phase 2: Präsentation im Plenum

Redemittel für die Plenumsphase

Wenn die Kinder im Plenum von ihren Beobachtungen/Erkenntnissen aus der Gruppenphase berichten, kann es hilfreich sein, bestimmte sprachliche Mittel, die die Kinder beim Sprechen über die Phase benötigen, auf (großen) Karten sichtbar für die Kinder zu machen. Diese können sich an dem zuvor ausgefüllten Planungsrahmen orientieren (siehe PDF).

Meistens ist es zudem sinnvoll, schon themenspezifische sprachliche Mittel im Plenumsgespräch einzuführen (siehe unter Phase 3).

 

Phase 3: Themenspezifische sprachliche Mittel

In Tabelle 1 wurden bereits für das Thema Schmetterling relevante sprachliche Mittel aufgeführt. Diese können auf Wortkarten für die Plenumsphase und eine Phase mit Erklärungen der Lehrkraft genutzt werden (siehe PDF).

 


 

Phase 4: Schreibaufgabe

In der letzten Unterrichtsphase schreiben die Kinder dann einen Text über das Erarbeitete. Es wird also beispielsweise ein Sachtext über den Entwicklungszyklus des Schmetterlings verfasst.

Das hat den Vorteil, dass das gelernte Wissen angewendet werden kann. Gleichzeitig lernen die Schülerinnen und Schüler etwas fach- und bildungssprachlich zu formulieren.
Da das selbstständige Schreiben von Texten eine sehr komplexe Aufgabe darstellt, schlägt Gibbons (2015) vor, dass zunächst ein Text gemeinsam in der Klasse verfasst wird. So lernen die Kinder den Schreibprozess kennen und bei dem gemeinsamen Überarbeiten und Umformulieren werden sie außerdem an die Fachsprachenverwendung herangeführt.

Weitere Hilfestellungen auf dem Weg zu einem selbstständig geschriebenen Text sind zum Beispiel ein Domino, bei dem die Sätze oder Satzanfänge gegeben sind oder einfach nur Satzanfänge, die vorgegeben werden oder ein Lückentext. Für die drei genannten Varianten finden Sie jeweils Vorschläge.

Soll weniger vorgegeben werden, können Satzanfänge genutzt werden, die dennoch den zu schreibenden Text bereits vorstrukturieren.

Reflexion

In der dargestellten Form von Unterricht werden die Grenzen zwischen Sprach- und Fachunterricht aufgehoben. Sprachliches und fachliches Lernen sind dabei untrennbar miteinander verbunden und werden daher auch in der Unterrichtsvorbereitung und Durchführung gemeinsam gedacht.

Die in diesem Vorhaben beschriebene Unterrichtseinheit zum Thema Schmetterling ermöglicht den Kindern, sich zunächst alltagssprachlich und schließlich zunehmend fachsprachlich auszudrücken. Für die Kinder findet das sprachliche Lernen fast wie nebenbei statt – wenngleich die Lehrkraft sorgfältig geplant hat, welche sprachlichen Mittel erarbeitet und gefestigt werden. Am Ende der Einheit können die Lernenden auf einem bildungssprachlichen Niveau über das Sachthema sprechen.

 

 

Quellen

Gibbons, Pauline (2015): Scaffolding language, scaffolding learning. Teaching English language learners in the mainstream classroom. 2. Aufl. Portsmouth, NH: Heinemann.

Sauerborn, Hanna (2017): Deutschunterricht im mehrsprachigen Klassenzimmer. Grundlagen und Beispiele zur Förderung von DaZ-Lernenden im Grundschulalter. Seelze: Kallmeyer.

Tajmel, Tanja; Hägi-Mead, Sara (2017): Sprachbewusste Unterrichtsplanung. Prinzipien, Methoden und Beispiele für die Umsetzung. 1. Aufl. Münster, New York: Waxmann (FörMig Material, Band 9).

Werner, Mira (2018): Bildungs- und Fachsprache. Freiburg: EU-Literacy-Project.
Verfügbar unter: http://euliteracy.eu/bildungssprache-und-fachsprache/ {zuletzt geprüft: 9.4.2018}

 

 

 

 

Die in diesem Dokument verwendeten Zeichnungen stammen von Manuela Ostadal (München). Die Rechte für die Bilder liegen bei den verschiedenen Projektpartnern von MLM. Die Verwendung für unterrichtliche (nicht kommerzielle) Zwecke ist mit Hinweis auf das Projekt gestattet. Eine kommerzielle Weiterverwendung ist ausgeschlossen.